Wer bist du wirklich?

Seit dem Frühjahr 2018 befrage ich Frauen zwischen Mitte und Ende 20 Jahren auf der Basis von mit Fragestellungen versehenen Flyern, die ich in Berlin und Hamburg gefunden und mitgenommen habe. Hinzu kommen weitere Fragestellungen, gegebenenfalls zu anderen aktuellen Projekten, aber auch, dass die eine Befragte ihrer Nachfolgerin eine Frage mit auf den Weg gibt. Der Kreis der teilnehmenden Menschen dieses langfristig und ohne Enddatum angesetzten Projekts soll mit acht, maximal neun Menschen klein gehalten werden. Im Juni 2019 sind alle Frauen mit allen Fragen behelligt worden, eine weitere kommt aus Zeitgründen vielleicht erst im nächsten Zyklus hinzu. Die Systematik, dann doch alle Fragen in einem Rutsch zu stellen, zeigte sich eigentlich erst im Juli 2018. Photographisches, Filmisches, Zeichnerisches auf der Basis des Aufgezeichneten hilft bei der Vorstellung der einzelnen Charaktere.

Die Vorlaufzeit war lang. Bereits 2014 war die Idee da, von Teilnehmerin Anna gibt es tatsächlich Dokumentiertes aus dieser Zeit und Jana erinnerte mich jüngst, dass ich ihr eine der nun aktuellen Fragestellungen mit auf den Weg nach Down Under gab. Erst vier Jahre und ein ebenso fragendes Großprojekt später ging es dann wirklich los.

Warum schon wieder Frauen und warum dieses Altersspektrum? Zum einen kenne ich die meisten Projektteilnehmerinnen bereits durch vorherige Arbeiten, weiß sie vom Wesen her einzuschätzen und ob ein letztlich sehr persönliches Projekt passen könnte. Frauen, das stelle immer wieder fest, wirken freier und offener, was solche Themen angeht, bauen anders als die meisten Männer keine undurchdringlichen Fassaden auf beziehungsweise spielen etwas vor. Außerdem finde ich es wichtig, einen foto-/telegenen Menschen nicht nur bildlich, sondern auch inhaltlich wie ideell sichtbar zu machen, ihn so darzustellen, wie er wirklich ist, hinter der Fassade. Mitte/Ende 20 beziehungsweise Anfang 30 ist zudem ein spannendes Alter, denn zumeist endet dann die Ausbildung, man verlässt dieses Kokon und lernt, wie die Welt wirklich funktioniert, bisweilen schwierige und unangenehme Aufgaben und Hürden stellt und neue Einflüsse noch einmal alles über den Haufen werfen.

Ziel ist eine Langzeitdokumentatio, in Print-, Film-, Ausstellungs-, abstrakter Form. Auch Kollaborationen mit anderen Künstler_innen schließe ich hinsichtlich des Bildnerischen nicht aus.


Die acht Teilnehmerinnen; die Bilder stammen allesamt aus den jeweils ersten Sitzungen.
Kurzbeschreibungen (von links nach rechts, Zeile für Zeile):

/ Jana, grüne Augen, kenne ich seit einem Abend in einer Bar im Winter 2013. Toller und humorvoller Typ, unglaubliches Gefühl für Bildsprache.

/ Anna, grüne Augen, traf ich Anfang 2014. Offen, herzlich, witzig, bekocht mich fast schon traditionell, wenn ich sie besuche.

/ Paulina, braune Augen, flog mir im Sommer 2014 mit ihrem eigenen Kunstprojekt zu. Liefert immer wieder Anstöße und Berührendes.

/ Sophie, graublaue Augen, lernte ich im Juni 2015 kennen, bemalt Wände mit persönlichen und gesellschaftskritischen Motiven. Mit ihr kann man wunderbar improvisieren und spontan sein.

/ Alissa, blaue Augen, kenne ich seit September 2015. Ruhig, entspannt, angenehm, offen für Experimentelles, endlos lange Haare, konsequente Schwarzträgerin.

/ Sophia, grüne Augen, lief mir im Februar 2018 quasi zu. Offen, geradeaus, kreativ, überraschend, engagiert, spannend, wunderbar.

/ Denise, grüne Augen, stellte im April 2018 ihre Illustrationen in Kellinghusen aus. Ich mag ihre Themen, das Verschwurbelte und ihren Witz.

/ Alexandra, blaue Augen, weckte via Instagram mein Interesse. Wortgewandt und offen, an Multipler Sklerose erkrankt. Sie traf ich erstmals im September 2018.

Juni 2019